Warum unsere Aufmerksamkeit im Umgang mit Pferden so entscheidend ist

Kein Handy am Steuer – darüber sind wir uns alle einig.
Doch wie sieht es eigentlich im Stall aus?

Egal, ob im privaten Alltag oder auf öffentlichen Turnieren: Es vergeht kaum ein Moment, in dem man keinen Reiter mit dem Handy sieht. Und leider nicht nur neben dem Pferd, was an sich schon kritisch genug ist, sondern immer häufiger auch auf dem Pferd.

Was diese ständige Ablenkung mit unseren Pferden macht – und was sie über uns als Reiter und Pferdemenschen aussagt – darum soll es in diesem Beitrag gehen.


Wir kommunizieren immer – ob wir wollen oder nicht

Auch wenn es uns vielleicht nicht gefällt:
Wir müssen uns als Reiter und Pferdemenschen an die eigene Nase fassen.

Denn eines ist sicher:
Wir kommunizieren immer mit unseren Pferden. Über unsere Körpersprache, unsere Mimik, unsere Stimme und unsere innere Haltung. Selbst dann, wenn wir glauben, gerade „nichts zu tun“.

Ob auf dem Putzplatz, beim Satteln, beim Stiefelanziehen oder während wir uns mit einer Freundin unterhalten – unser Pferd nimmt uns wahr. Ständig.

Genau deshalb ist die Nutzung des Handys im Umgang mit dem Pferd so problematisch. Unsere Aufmerksamkeit ist geteilt, unser Fokus nicht beim Pferd – und das bleibt nicht ohne Folgen.

Pferde brauchen Präsenz und Orientierung

Pferde sind darauf angewiesen, dass wir ihnen Orientierung geben.
Nicht durch Lautstärke oder Strenge, sondern durch Präsenz, Klarheit und innere Ruhe.

Sind wir jedoch gedanklich im Handy – bei Nachrichten, Social Media oder To-do-Listen – fehlt genau diese Orientierung. Wir sind weder bei uns selbst noch bei unserem Pferd.

Das Pferd muss dann beginnen, eigene Entscheidungen zu treffen. Häufig äußert sich das in Verhaltensweisen wie:

  • Scharren
  • Drängeln
  • Betteln
  • Unruhe
  • mangelnder Aufmerksamkeit

Manche ignorieren das, weil es sie nicht stört oder weil sie es gar nicht bewusst wahrnehmen. Andere schimpfen ihr Pferd – nur um im nächsten Moment wieder aufs Handy zu schauen.

Für das Pferd ist die Situation jedoch klar: Seine Signale kommen nicht an.

Aufmerksamkeit ist keine Einbahnstraße

Diese Form der Ignoranz führt beim Pferd zu einem echten Aufmerksamkeitsdefizit.
Ein Vergleich aus dem Alltag liegt nahe: Kinder, deren Eltern ständig aufs Handy schauen, fühlen sich nicht gesehen. Genau das passiert auch unseren Pferden.

Sie lernen:
Ich bin nicht wichtig.
Ich werde nur beachtet, wenn etwas „stört“.

Und genau dieses Muster zeigt sich später oft im Training, im Umgang und letztlich auch beim Reiten.

Schritt führen ohne Verbindung?

Besonders häufig sieht man es vor dem eigentlichen Reiten:
Das Pferd wird im Schritt geführt – eigentlich zum Aufwärmen. Doch statt diese Zeit für Beziehung und Kommunikation zu nutzen, wird das Pferd am langen Zügel hinter sich hergezogen, während der Blick aufs Handy geht.
Dabei wäre gerade diese Phase ideal, um bewusst Verbindung aufzubauen:

  • über Körpersprache
  • über kleine Übergänge
  • über Aufmerksamkeit und Präsenz

Konzentration erwarten, ohne sie selbst zu geben

Hier liegt ein zentraler Punkt:
Wir erwarten von unseren Pferden volle Konzentration, Mitarbeit und Leistungsbereitschaft, sobald wir im Sattel sitzen.

Gleichzeitig sind wir selbst oft nicht bereit, diese Konzentration aufzubringen.

Damit verletzen wir – meist unbewusst – unsere Fürsorgepflicht gegenüber dem Pferd. Denn faires Reiten beginnt nicht beim Aufsitzen sondern beim ersten Kontakt im Stall.

Was können wir besser machen?

Die gute Nachricht:
Es braucht keine komplizierten Trainingsmethoden oder zusätzlichen Zeitaufwand. Wir lieben unsere Pferde – und genau deshalb sollten wir bereit sein, an uns selbst zu arbeiten. Der erste und einfachste Schritt ist oft auch der wichtigste.

Das Handy aus dem Stallalltag verbannen

Am besten bleibt es komplett im Auto, wenn man zum Pferd geht.

Wer das nicht möchte, sollte es zumindest:

  • im Schrank lassen
  • lautlos stellen
  • bewusst nicht nutzen

Schon beim Putzen kann man sich mental auf sein Pferd einstellen und sich fragen:

  • Wie fühlt sich mein Pferd heute an?
  • Was möchte ich heute erarbeiten?
  • Was braucht mein Pferd heute wirklich?

Sinnvolle Übungen beim Schritt führen

Wer sein Pferd vor dem Reiten Schritt führen möchte, kann diese Zeit aktiv und pferdegerecht nutzen:

  • Slalom laufen – fördert Aufmerksamkeit und Koordination
  • Halten und wieder anlaufen
  • Rückwärtsrichten
  • Nach ein paar Minuten Schulterherein an der Hand
  • Beine auf Kommando anheben lassen

Gerade Letzteres schult das Körperbewusstsein des Pferdes enorm, verbessert die Reizweiterleitung und bereitet optimal auf die Arbeit unter dem Sattel vor.


Fazit: Präsenz ist die Basis jeder Ausbildung

Pferde brauchen keine perfekten Reiter.
Aber sie brauchen anwesende Menschen.

Echte Aufmerksamkeit, innere Ruhe und Fokus sind keine Extras, sondern die Grundlage für fairen, pferdegerechten Umgang – vom Boden bis in den Sattel.

Gutes Training beginnt also nicht mit einer neuen Übung, einer neuen Satteldecke oder dem Reiten von Lektionen,
sondern ganz einfach mit der Entscheidung, das Handy wegzulegen.

Für unser Pferd.
Und für uns selbst. 

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